Halt! Inne!

Noch geschwind leben (KW 42, 23.10.2017)

Noch geschwind ein paar sehnsüchtige Blicke zum Himmel werfen

und der Unendlichkeit tief in die Regenbogenaugen schauen.

 

Noch schnell das Feuer der Hoffnung entzünden

und alle Zweifel und Ängste verbrennen.

 

Noch geschwind die Quellen der Missverständnisse

trockenlegen und Wasser auf die Mühlen des Verstehens leiten.

 

Noch schnell alles Überflüssige zum Teufel jagen

und  eine Herde Zärtlichkeit abfangen zwischen Herz und Hirn.

 

Noch geschwind dem Leben ins Genick springen mit aller Kraft

und die Liebe unter dem Teppich der Alltäglichkeit hervorholen.

 

Noch geschwind leben,

bevor uns die Dunkelheit ihren dicken Mantel zuwirft.

 

(Ernst Ferstl)

 

Ausgewählt von Philipp Hein   

Archiv

Hier können Sie sich die Impulse der letzten Wochen noch einmal durchlesen.

  • Freiheit für Frieden und Frieden für Freiheit (KW 42, 16. Oktober 2017)

    Ich grüße dich, den unerreichbaren Traum des Menschen. Ich grüße dich, das Ziel der Reisenden des Weges ohne Rückkehr. Ich grüße dich, den Vogel mit blutigen Federn und Flügeln. Ich grüße dich, die Freiheit und das gefangene Wort.

    Ich weiß nicht, wie die Leute dieses Landes oder anderer Länder dich nennen und ich weiß nicht, wie du mit deinem Sein auf welcher Wunde des Körpers der Menschlichkeit Medizin sein würdest.

    Ich weiß nur, dass du das schönste Lied der Schöpfung und der süßeste Traum des Menschen von Anfang bis zur Ewigkeit warst und bist. Aber es ist leider so, dass dein schwacher Körper immer im Griff der Diebe des Lichtes und der Helligkeit durch Dunkelheit und Grausamkeit gefangen war und ist.

    Oh Freiheit. Ich wünschte, dass wir für dich etwas tun könnten. Ich wünschte, dass jemand sich finden würde, um auf die Wunden, die du von den Menschen bekommst, Medizin zu reiben und ich wünschte, dass du dich aus dem Gefängnis der Dunkelheit befreien könntest. Ja, wenn ich richtig bedenke, brauchst du selber vor allem Freiheit und die Freiheit der Menschen hängt von der Öffnung der Gefangenenkette ab, die um deine schwachen und müden Füße geschlossen sind.

    Aber wie? Wenn du dich etwas bewegst und es kommt durch deine rostige Gefangenenkette ein bisschen Ton in die Ohren der Leute, die immer auf dich warten, schlagen die Menschen vor allem eine neue Wunde in deinen Körper und schließen mit einem neuen Schlüssel dein Gefängnis ab.

    Jedes Mal wird es mit einer Ausrede getan. An einem Tag machen sie dich zum Opfer wegen ihrer Absicht, immer mehr zu wollen. An einem anderen Tag wirst du ein Schild gegen die Unwissenheit der Massen sein. Einmal schlagen sie dich im Namen der Religion und ein anderes Mal nennen sie dich verbotene Früchte.

    Oh Freiheit. Ich liebe dich. Ich denke, dass unsere verlorene Menschlichkeit mit deiner Hilfe zurückkommt. Ich denke, dass du mit deinem Sein auf den Wunden der Menschlichkeit Medizin sein wirst.

    Komm Freiheit, komm.

    Bevor es zu spät wird und dein Kommen nicht mehr vorteilhaft für die zu schwache Seele der Menschlichkeit ist.

    Komm Freiheit, komm.

     

    Diesen selbstverfassten Text hat Masoud (Virya) Almasi bei der Offenen Friedensandacht am UN-Friedenstag, dem 21.09.2017 in Daun, vorgetragen.

  • Ja! (KW 41, 9. Oktober 2017)

    Wenn man mich fragen würde, was ich am meisten in der Welt liebe, was mir das Kostbarste in der Welt ist, könnte ich wirklich nichts anderes sagen als: die Kirche! Allerdings, wenn man fragen würde, was das Vergänglichste in der Welt ist, was am meisten anders werden muss, müsste ich wiederum sagen: die Kirche!

    Warum liebe ich die Kirche über alles, was ich in der Welt habe? Deswegen, weil ich daran glaube, dass in dieser Kirche mit all ihren Mängeln, mit all ihrer Not, mit all ihrer Vorläufigkeit, mit all dem, was anders sein könnte an ihr, Gott zur Menschheit steht. Und wenn ich alle Menschen liebe, dann muss ich gerade, wenn es mir um die Menschen geht, die Kirche lieben. Denn Kirche ist nichts anderes als das Zeichen dafür, dass Gott Menschen, wie sie sind, in ihrer Armseligkeit, in ihrem Nichts, in ihrer Vorläufigkeit und Relativität angenommen und ernst genommen hat. Mein Ja zu allen Menschen ist also dadurch real und wirklich, dass ich sie hineinstelle in dieses Ja Gottes, in sein Handeln, in seine Gnade, in sein Erbarmen mit den Menschen.

    (Klaus Hemmerle in: Gottes Zeit - Unsere Zeit!)

    Ausgewählt von Klaus Kohnz

  • Herbst (KW 40, 2. Oktober 2017)

    Der Herbst hat begonnen: wir genießen die Farbenpracht der Natur, wir staunen über die Vielfalt, wir ahnen Veränderungen und das Loslassen, die kommen. Symbol unserer Gesellschaft, auch unseres eigenen Lebens. Selten ist das Leben ruhig. Es kommen immer wieder neue Anforderungen, Veränderungen. Auf manche warten wir sehnsüchtig, weil sie uns gutes, geglücktes, geliebtes, geborgenes, getragenes Menschsein bringen. Anderes macht uns Angst: gesellschaftliche Probleme, wachsende unversöhnliche Spaltungen in Gesellschaft und Politik, manche Entwicklung im Bistum und den Pfarreien wecken Ängste und Befürchtungen. Was ist gut loszulassen? Was ist wichtig zu bewahren? So sorgen wir für Vielfalt in unserem Leben, wir sind dankbar für die Vielfalt an Menschen und Ideen in Kirche und Gesellschaft. Doch wissen wir, dass Leben und Menschsein immer Ringen um Leben, um gute Wege für uns, für andere, für die Mitgeschöpfe und die Natur ist. So fragen wir, was Jesus an unserer Stelle denken und handeln würde, was ihm wichtig ist, was er als Grundwerte und Grundkonstanten ansieht. Denn sein Ruf zur Umkehr heißt manches zu bewahren, anderes loszulassen, wieder anderes zu verändern. Der Herbst lädt uns ein über Loslassen und Bewahren im Sinne Jesu nachzudenken und daraus gute Taten, aufrichtende und kritisierende Worte, Menschen- und Gottesliebe folgen zu lassen.

    Ulrich Apelt

  • Der dritte Weg nach Dorothee Sölle (KW 39, 25. September 2017)

    Worte von Dorothee Sölle, ausgesucht von Sabrina Koch zur politischen Woche:

     

    Der dritte weg

    Wir sehen immer nur zwei Wege
    sich ducken oder zurückschlagen
    sich kleinkriegen lassen oder
    ganz groß herauskommen
    getreten werden oder treten

    Jesus du bist einen anderen weg gegangen
    du hast gekämpft aber nicht mit waffen
    du hast gelitten aber nicht das unrecht bestätigt
    du warst gegen gewalt aber nicht mit gewalt

    Wir sehen immer nur zwei möglichkeiten
    selber ohne luft sein oder andern die kehle zuhalten
    angst haben oder angst machen
    geschlagen werden oder schlagen

    Du hast eine andere möglichkeit versucht
    und deine Freunde haben sie weiterentwickelt
    sie haben sich einsperren lassen
    sie haben gehungert
    sie haben spielräume des handelns vergrößert

    Wir gehen immer die vorgeschriebene bahn
    wir übernehmen die methoden dieser welt
    verachtet werden und dann verachten
    die andern und schließlich uns selber

    Laßt uns die neuen wege suchen
    wir brauchen mehr phantasie als ein rüstungsspezialist
    und mehr gerissenheit als ein waffenhändler
    und laßt uns die überraschung benutzen
    und die scham die in den menschen versteckt ist

    Dorothee Sölle

  • Nebel-Sicht (KW 38, 18. September 2017)

     

    Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:

    Woher kommt mir Hilfe?

    Meine Hilfe kommt vom Herrn,

    der Himmel und Erde gemacht hat.

    (aus Psalm 121)

     

    In der Tat, dieser Psalm kam mir vergangene Woche mehrmals in den Sinn. Wetterwechsel in den Alpen zu erleben - das hat was. Es ist ein gigantisches Naturschauspiel. Eben noch alles grau; die Sicht vernebelt, die Berge allefalls nur zu erahnen. Dann im Gehen - wie oft kam mir das Lied "Oh Heiland reiß die Himmel auf..." in den Sinn - lichtet sich wirklich der Nebel, die Wolken und geben Stück für Stück den Berg frei... bis er sich schließlich traumhaft schön und prachtvoll bei Kaiserwetter Dir zeigt. Diesen Moment zu beschreiben ist eigentlich unmöglich, diese Gedanken, die kommen sind eine Mischung aus Glück, Demut, Freude, Gotteserfahrung, Dankbarkeit, Traurigkeit (über das Bewusstsein, wie wir Menschen mit dieser schönen Welt umgehen), Bewusstsein des Schöpfergottes...

    Gott ist da! Immer schon! Nur für uns bisweilen vernebelt. Wir müssen dann umso aufmerksamer hinschauen! Mitunter Zeit und Geduld investieren. Aber Gott ist da - hat er dies uns doch selbst gesagt: Ich bin der, der da ist! Darauf zu vertrauen, das liegt allein an uns. Aber hinter dem Nebel war und ist der Berg ja auch da...

    Simone Thomas

  • Mut! (KW 37, 11. September 2017)

    Wozu braucht es Mut?
    Zu leben.
    Heute zu leben als ein denkender Mensch, der nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst für seine Taten verantwortlich macht.
    Es braucht Mut, in dieser Welt, die wohl an den verheerenden Folgen unserer Zivilisation und Bequemlichkeit zugrunde gehen wird, mit der hoffnungslosen Hoffnung weiterzuleben, dass es vielleicht doch noch besser werden könnte.
    Es braucht Mut, sich dieser Realität zu stellen mit all ihren Konsequenzen.
    Es braucht Mut, den Kopf nicht einfach in den Sand zu stecken und zu resignieren, sondern mit der eigenen Kraft zu versuchen, die bestehende Zustände zu ändern.
    Es braucht Mut, in einer Welt zu leben, in der Unfähige, Alte und Kranke keinen Platz haben dürfen. In einer Welt zu leben, die uns die Vereinsamung des Menschen gebracht hat und deren einziges Ziel Produktion und Absatz ist.
    Es braucht Mut, dies alles zu wissen und mit dem Gefühl der Ohnmacht weiterzuleben, daran jemals etwas ändern zu können und trotzdem nicht hoffnungslos zu sein.
    Das braucht Mut.

    Christoph, 17 J.

    (Aus: Christoph, 17 J. in: Hans Joachim Remmert, Firmung vorbereiten, Ein Werkstattbuch, Freiburg 1995.)

    Ausgewählt von Ralf-Pius Krämer

  • Herrlichkeit (KW 36, 04. September 2017)

    Es ist

    sehr gut denkbar,

    dass die Herrlichkeit des Lebens

    um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle

    bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar,

    sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig,

    nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.

     

    ausgewählt von

    Sabrina Koch

     

    aus: Christ in der Gegenwart, Nr. 34/2017, Franz Kafka (1883 - 1924; in den Tagebüchern)

  • Für jeden Tag (KW 35, 28. August 2017)

    Gott,

    du hast Zeit und Raum geschaffen

    stellst uns Menschen in diese Welt

     

    jeder Morgen von dir geschenkt

    vor uns ein neuer Tag

    voll Bangen und Lust

    Grenzen und Möglichkeit

     

    lass mich jeden Tag neu

    in seiner Einmaligkeit erleben

    achsam sorgsam

    für das Kleine sein

     

    jeder Abend geschenkter Tag

    vor uns die Nacht

    lassen und spüren

    sich ängstigen und ausruhen

     

    lass mich jeden Abend neu

    die Endlichkeit erahnen

    mein Tun und Sein in deine Hände geben

    löse mich aus meinen Verstrickungen

     

    lass mich wachsam sein

    für die Einmaligkeit meiner Tage

    lehre mich jeden Tag zählen

    lehre mich die Kostbarkeit meines Lebens.

     

    (Andrea Schwarz)

    Ausgewählt von Vanessa Lay

  • Rücksichtnahme kommt an! (KW 34, 21. August 2017)

    Radfahren wird immer beliebter. Gerade in der Stadt. Als Weihbischof habe ich schon in Köln oft das Fahrrad genommen, und in Berlin habe ich das auch getan. Ich brauchte auch kein besonderes Designer-Fahrrad, Hauptsache es fuhr. Für mich ist das Rad ein Gebrauchsgegenstand. Wenn ich die Soutane anziehen musste, weil das ein Termin, zum Beispiel eine Firmung, erforderte, ließ ich es aber stehen, weil es ein Herrenrad ohne besonderen Kettenschutz war. Ich wollte auch nicht den legendären Schauspieler Fernandel nachahmen, der als Don Camillo mit wehender Soutane auf seinem klapprigen Rad durch die Gassen kurvte und damit schneller war als der etwas behäbige kommunistische Bürgermeister Peppone. Doch für kurze Strecken habe ich es genossen, auf dem Fahrradweg an den stehenden Autos vorbeizuziehen in dem Bewusstsein, mich zu bewegen, Wind und Wetter zu spüren, dabei Zeit zu sparen und meinen Kreislauf in Schwung zu bringen.

    Für das Fahrradfahren als besonders umwelt- und stadtverträgliche Fortbewegung wünsche ich mir eine Portion mehr Rücksicht aller Verkehrsteilnehmer aufeinander. Damit man sicher mit dem Rad unterwegs sein kann, muss es einerseits eine gute Infrastruktur geben. Andererseits muss aber auch jeder Verkehrsteilnehmer seinen Beitrag leisten durch umsichtiges Verhalten. Dies ist – neben den Fußgängern – besonders für Radfahrer wichtig. Denn ihnen fehlt die schützende „Knautschzone“. Und ganz besonders betrifft das die Kinder. Sie sind eben keine kleine Erwachsnenen.

    Ich erinnere an den alten Grundsatz der praktischen Ethik, an die Goldene Regel. Sie ist in vielen religiösen und philosophischen Texten überliefert. Im Neuen Testament heißt sie: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ (Mt 7,12) Wenn ich vom anderen also erwarte, dass er mir nicht die Vorfahrt nimmt, nicht drängelt oder mir den Vogel zeigt, dann darf ich das auch meinerseits nicht tun. Respekt und Rücksichtnahme kommen überall gut an. Auch im Straßenverkehr.

    (aus: Kardinal Woelki, Gott begleitet uns, Freiburg i. Br. 2015)

    Ausgewählt von Klaus Kohnz

  • Deine Kirche? (KW 33, 14. August 2017)

    Herr,
    ich mache mir Sorgen um deine Kirche
    .
    Ist das überhaupt noch „deine“ Kirche?
    Viele gehen weg.
    Andere sind innerlich längst weggegangen.
    Und ich?

    Herr,
    irgendwann habe ich begriffen,
    dass ich zu dir nicht allein komme,
    sondern nur mit anderen.
    Und irgendwann habe ich begriffen,
    dass wir zusammen deine Kirche sind,
    wir – Kleine und Große, Laien und Priester.

    Herr,
    ich bitte dich um Mut,
    mich zu deiner Kirche zu bekennen,
    auch wenn sie mir manchmal alt und müde erscheint.

    Ich bitte dich um Phantasie,
    das Gesicht deiner Kirche mitzugestalten,
    dort, wo ich lebe.

    Ich bitte dich um Geduld,
    wenn es mir mit den notwendigen
    Veränderungen nicht schnell genug geht
    und ich auf Widerstände stoße.

    Ich bitte dich um Liebe,
    damit die Gemeinschaft deiner Kirche wächst,
    auch durch mich, hier und jetzt.

    (Angela Merici - Gründerin des Ursulinen-Ordens)

    Ausgewählt von Simone Thomas

  • Segen für die Sommerzeit (KW 32, 7. August 2017)

    Ich wünsche dir

    bunte Sommerfarben

    ins Gewebe deiner Tage,

    dass du graue Zeiten

    bestehen kannst,

    ohne in Hoffnungslosigkeit

    zu versinken.

     

    Ich wünsche dir

    helle Töne der Heiterkeit

    in die Melodie deines Lebens,

    Befreiung zu Leichtigkeit

    und Tanz

    ohne fliehen zu müssen

    vor den Niederungen.

     

    Ich wünsche dir

    guten Boden

    unter deine Füße,

    deine Wurzeln hineinzusenken

    und genügend Halt zu finden,

    um nicht heimatlos zu bleiben

    auf dieser Erde.         

     

    (Antje Sabine Naegeli in: Gesegnetes Leben)

    Ausgewählt von Carlo Fischer-Peitz

  • Heute (KW 31, 31. Juli 2017)

    Heute musst Du leben.

    Heute musst Du glücklich sein.

    Wenn Du heute nicht lebst, dann hast Du den Tag verloren. An das Gute von gestern kannst Du Dich ruhig erinnern, und auch von den schönen Dingen  träumen, die morgen kommen mögen. Aber verliere Dich nicht ins Gestern oder Morgen. Wir schreiben Träume in das Buch der Zukunft, aber eine unsichtbare Hand macht einen Strich durch unsere Träume.

    Es bleibt nicht viel Zeit, um glücklich zu sein.

    (Phil Bosmans)

    Ausgewählt von Simone Thomas

  • Julianmäßig (KW 30, 24. Juli 2017)

    Julian ist 4.

    Er steht auf einer Mauer, die doppelt so hoch ist wie er. Stolz und erhaben.

    Ich kenne ihn erst seit ein paar Stunden. Ich kann ihn nicht einschätzen. Ich habe Angst, dass er von der Mauer fällt. Sicherheitshalber breite ich die Arme aus.

    Ich will sagen: „Spring! Keine Angst! Ich fang Dich auf!“ Ich will ihm erklären, dass er ruhig springen kann. Dass er mir vertrauen kann, auch wenn er mich erst seit ein paar Stunden kennt.

    Ich will es ihm erklären. Ich beginne mit meiner Rede und sage: „Spring! … – “ Doch weiter komme ich nicht. Denn da habe ich Julian schon in den Armen. Einfach so. Meine Erklärungen über Vertrauen usw. konnte ich mir sparen.

    Für Julian war das keine große Sache. Doch ich war erst fassungslos und dann begeistert. Er hat mir vertraut. Einfach so. Ohne mich zu kennen und ohne, dass ich um sein Vertrauen werben musste.

    Vertrauen – das hängt für mich eng mit Glauben zusammen.

    Julian fällt das leicht – vertrauen: davon ausgehen, dass es im Endeffekt gut wird.

    Und genau da tu ich mir manchmal schwer mit. Lieber weiß ich vorher ganz genau, worauf ich mich einlasse. Gerne höre ich mir erst mal Erklärungen an. Und erst dann will ich vertrauen.

    Doch bei Gott läuft das anders.

    Julianmäßig – so möchte ich gerne glauben können:

    Nicht auf Erklärungen warten.

    Ungewissheit aushalten.

    Vertrauen – auch dem, den ich vielleicht noch nicht zu Gesicht bekommen habe.

     

    Von Carina Rui auf http://dreifachglauben.de. Ausgewählt von Philipp Hein

  • Ein Sommer-Psalm von Hans-Dieter Hüsch (KW 29, 17. Juli 2017)

     

    Herr

    Es gibt Leute die behaupten
    Der Sommer käme nicht von dir
    Und begründen mit allerlei und vielerlei Tamtam
    Und Wissenschaft und Hokuspokus
    Dass keine Jahreszeit von dir geschaffen
    Und dass ein Kindskopf jeder
    Der es glaubt
    Und dass noch keiner dich bewiesen hätte
    Und dass du nur ein Hirngespinst

    Ich aber hör nicht drauf
    Und hülle mich in deine Wärme
    Und saug mich voll mit Sonne
    Und lass die klugen Rechner um die Wette laufen
    Ich trink den Sommer wie den Wein
    Die Tage kommen groß daher
    Und abends kann man unter deinem Himmel sitzen
    Und sich freuen
    Dass wir sind
    Und unter deinen Augen
    Leben

    In diesem Sinn eine gute Zeit in der zweiten Sommerferienhälfte – Zuhause oder in der Ferne.        

    Ralf Pius Krämer

  • W wie wach auf (KW 28, 10. Juli 2017)

     

    Wachsam sein - weltoffen

    mit wachen Augen dem Wandel wohlgesonnen,

    weltenlenkend – warmherzig und wirkungsvoll.

    Weder wahllos wandeln noch würdelos,

    sondern wachen, wetterfesten Wesens mitten in der Wunderlichkeit der Welt.

     

    Schöne Sommerferien.

     

    Sabrina Koch

     

    Bildmaterial: fotografiert von SK in Berlin 2017

  • Ankommen (KW 27, 3. Juli 2017)

     

     

    Nähme ich Flügel der Morgenröte

    und bliebe am äußersten Meer,

    so würde auch dort deine Hand mich führen

    und deine Rechte mich halten.

    Ps 139,9-10

     

     

     

    Jedes Ding braucht seinen Platz. Haarbürste, Bücher, Sonnencreme. Ich packe meinen Koffer aus. Meine Seele hängt noch irgendwo zwischen Haustür und Flughafen. Wo ist mein Portemonnaie? Hat das Handy Empfang? Meine Haut ist trocken von der Flugzeugluft, im Kopf dröhnen die Motoren. Reisen ist anstrengend, das war es schon zu biblischen Zeiten. Warum sonst sind in Fastenzeiten Reisende vom Verzicht befreit? Vielleicht ist Reisen selbst schon genug Verzicht: auf das Vertraute, auf den Alltag, auf Sicherheit. Wer reist, ist rastlos - und rast auch dann meist wieder sofort los, wenn er doch gerade erst angekommen ist. Wie weit ist es zum Meer? Wo gibt`s Essen und kommen die Zuhause eigentlich klar ohne mich?

    Doch dann - vielleicht wenn ich meine Zehenspitzen das erste Mal ins Meer tauche oder meine Nase erschnuppert wie anders die Luft riecht - dann fliegt auch meine Seele los. Und macht sich auf den weiten Weg, um nachzukommen.

    Iris Macke

    Ausgewählt von Vanessa Lay

  • Schöpfe Verdacht (KW 26, 26. Juni 2017)

    Anrufe und Berufungen sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.

     

    Aber wenn du spürst, dass dich etwas fasziniert,

    begeistert, anspricht, lockt,

    trotz großer Mühe erstrebenswert erscheint,

    dann schöpfe Verdacht, halte inne, frage, lausche,

    höre und bitte Gott, zu erkennen.

     

    Wenn die Nöte der Menschen, ihr Leid, ihre Verlassenheit

    dich in deinem Herzen und Gedanken immer wieder

    berühren und nicht loslassen,

    dann schöpfe Verdacht, halte inne, frage, lausche,

    höre und bitte Gott, zu erkennen.

     

    Wenn dich Sehnsucht treibt nach sinnerfülltem Leben,

    das Glück der Menschen dir ein echtes Anliegen wird,

    Unrecht an Wehrlosen, Schwachen und Kleinen dich zornig macht,

    dann schöpfe Verdacht, halte inne, frage, lausche,

    höre und bitte Gott, zu erkennen.

     

    Wenn du dich hingezogen fühlst in die Stille,

    zu Sammlung, Betrachtung und Gebet,

    wenn innere Versenkung, Meditation, Anbetung

    und Gotteslob dich erfüllen,

    dann schöpfe Verdacht, halte inne, frage, lausche,

    höre und bitte Gott, zu erkennen.

     

    Wenn Fragen sich verstärken an dein bisheriges Leben,

    an deinen Umgang mit Geld und Besitz,

    an deinen Beruf oder die Nutzung deiner Talente,

    an den Wert deines Strebens und deiner Ziele,

    dann schöpfe Verdacht, halte inne, frage, lausche,

    höre und bitte Gott, zu erkennen.

     

    Wenn du spürst, dass du dich nicht mehr länger

    bedeckt halten darfst, dass endlich Bekenntnis,

    Größe und Weite, Einsatz und Wagnis in dein

    Leben treten müssen,

    dann schöpfe Verdacht, halte inne, frage, lausche,

    höre und bitte Gott, zu erkennen.

    (Klemens Nodewald)

    Ausgesucht von Simone Thomas

  • Lache (KW 25, 19. Juni 2017)

    Lache dem Leben zu

    Schaffe dir einen befreienden Spielraum

    der notwendig ist zur eigenen Entfaltung

     

    Lache dem leben zu

    entwickle mit anderen Widerstandsformen

    die Menschen zum Aufblühen bringen

     

    Lache dem Leben zu

    genieße die kulturelle Vielfalt

    die zur eigenen Kreativität ermutigt

     

    Lache dem Leben zu

    durchbrich die Mauern des Misstrauens

    mit deinem sinnstiftenden Humor

     

    Lache dem Leben zu

    vertraue der Kunst des Loslassens

    die dir Momente des Aufgehobenseins schenkt

     

    Gefunden bei Pierre Stutz: „Lächle dem Leben zu“ von Carlo Fischer-Peitz

  • Zeit! (KW 24, 12. Juni 2017)

    Was an Ihr ist wirklich?

    Bei genauem Hinsehen allein die Gegenwart, das Jetzt!

    Vergangenheit existiert nur in unserer Erinnerung.

    Zukunft nur in unserer Erwartung.

    Damit sind beide eigentlich nicht wirklich.

    Es ist die Beschränktheit unseres menschlichen Bewusstseins, die das immer Seiende allein im Nacheinander zu fassen vermag.

    Was aber in nicht endender Folge vor uns auftaucht und vorüberzieht, das ist vor Gottes Augen alles gleich gegenwärtig…

    (Aurelius Augustinus)

    Ausgesucht von Simone Thomas

  • vergnügt - erlöst - befreit (KW 23, 5. Juni 2017)

     

    Ich bin vergnügt – erlöst - befreit

    Gott nahm in seine Hände meine Zeit:

    Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen

    Mein Triumphieren und Verzagen

    Das Elend und die Zärtlichkeit.


    Was macht dass ich so fröhlich bin in meinem kleinen Reich?

    Ich sing und tanze her und hin vom Kindbett bis zur Leich.

     

    Was macht dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen?

    Es kommt ein Geist in meinen Sinn will mich durchs Leben tragen.

     

    Was macht dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsinn hält?

    Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

    Wohl über alle Welt.

    (Hanns Dieter Hüsch)

     

    Pfingstmontag 2017 auf Ehrenbreitstein in Koblenz treffen sich Evangelische und Katholische Christen um gemeinsam zu feiern:
    das Geschenk des Heiligen Geistes!
    Und das Motto fasziniert mich „vergnügt, erlöst, befreit“:
    Genau das ist das Gemeinsame, das die Konfessionen verbindet;
    Genau das ist das Besondere, das den christlichen Glauben tragen kann;
    Genau das ist das Befreiende, das Ostern für uns bedeutet;
    Genau das beschreibt unsere Sendung in die Welt:
    „vergnügt, erlöst, befreit“ setzen wir Zeichen
    gegen die Enge, die Ängste, das Bedrückende, das Feindliche
    in unserer Welt:
    „… weil mich mein Gott das lachen lehrt…“
    Ich wünsche uns ALLEN diesen lebensbejahenden und frohen Geist Gottes.

    Ralf Pius Krämer

  • Hinter dem Blau (KW 21, 22. Mai 2017)

    „Mama, wo ist denn jetzt dein Papa?“, fragt die dreijährige Tochter ihre Mutter, die um ihren Vater trauert. Die Mutter murmelt etwas ratlos vom „Himmel“. „Und wo ist der Himmel?“, setzt das Kind nach. Die Mutter, jetzt gänzlich ohne Worte, verweist das Töchterchen an seinen Vater, den Schriftsteller Christoph Peters. Schon kurze Zeit später kommt das Kind strahlend zurück. „Mama, ich weiß jetzt, wo Opa ist! Hinter dem Blau!“

    Muss man Schriftsteller sein, um eine solche wunderbare Antwort zu finden? Womöglich ja, denn Himmel und Ewigkeit, Auferstehung und Himmelfahrt, ja Gott selbst, das sind Worte, die den Bereich der Alltagsprosa sprengen und nach kühnen Farben verlangen: Hinter (!) dem Blau ist der Himmel! (nach: Christian Heidrich) Die einfachen Fragen, wie Kinder sie stellen, sind oft am schwersten zu beantworten. Wo ist der Himmel? Das heutige Fest antwortet nüchtern und zugleich präzise: Himmel ist also nicht irgendwo da oben. Himmel ist nah und weit entfernt zugleich.

    Der Himmel im biblischen Sinn ist nicht einfach der Gegensatz zur Erde. Sondern Himmel ist da, wo der Gekreuzigte nach seiner Auferstehung für immer lebt. Der Himmel als Inbegriff der Fülle gelungenen Lebens, ist also keine geographische oder astronomische, sondern eine personale Größe. Wenn in der Bibel vom „Himmel“ die Rede ist, ist oft Gott selbst gemeint oder besser: der Ort, wo Gott wohnt: „Vater unser im Himmel …“

    In der deutschen Sprache haben wir eben nur das eine Wort „Himmel“ und meinen damit, je nach dem, den Himmel über uns oder den Himmel als Ort und Wohnung Gottes. Die englische Sprache hat dafür bekanntlich zwei Wörter: „sky“ und „heaven“. „Nicht, wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, ist der Himmel.“ (Gerhard Ebeling)

    (Pfr. Josef Mohr)

    Ausgewählt von Klaus Kohnz

  • Eine einfache, kurze Frage! (KW 20, 15. Mai 2017)

    Mit dem Weißen Sonntag ist die Zeit der Erstkommunionvorbereitung zu Ende gegangen. In der Reflexion betonten die Katechetinnen auch in diesem Jahr einen Aspekt: Sie verbrachten eine ganz besondere Zeit mit den Kindern. Sie sprachen mit ihnen über Themen, die anders nicht zur Sprache gekommen wären. Sie sprachen mit ihren Kindern über Gott und fanden dies auch für sich persönlich gewinnbringend. Schließlich mussten sie sich selbst mit den Fragen auseinandersetzen, ehe sie zusammen mit den Kindern eine Antwort suchen konnten.

     

    Als ich letzte Woche in einem Gespräch plötzlich gefragt wurde, wie ich mir Gott vorstelle und wir unsere Antworten austauschten, konnte ich noch einmal selbst erfahren, wie fruchtbar das Reden über Gott ausgelöst von dieser einen kurzen Frage sein kann:

     

    Wie stellst du Dir Gott vor?

     

    Philipp Hein

  • Eine Stimme hören, die mir vertraut ist (KW 19, 8. Mai 2017)

    Was ist das für eine Stimme? Was sagt sie mir?

    Ist es eine mahnende, drohende, verurteilende, strafende, appellierende, fordernde Stimme?

    Ist sie laut oder leise?

     

    Ist es eine aufmunternde, ermutigende, berührende, heilende, vertrauende, liebevolle Stimme?

    Ist sie laut oder leise?

     

    Wir kennen in unserem Leben sicher beide Stimmen.

    Auch von Jesus kennen wir beide Stimmen.

    Im Evangelium vom guten Hirten zeigt sich Jesus als der vertrauen stiftende Hirte, der jeden Einzelnen beim Namen ruft, ihn persönlich kennt.

    Er unterstützt und ermutigt uns den engen Stall zu verlassen und in die Weite der Landschaft aufzubrechen.

    Bei all den Unsicherheiten, die diese Weite mit sich bringt, ist ER der Hirte, der vorangeht und Sicherheit bietet.

    Jesus fordert uns heraus, appelliert an uns, die Enge zu verlassen und sich auf Weite einzulassen. Zugleich ermutigt ER uns, dass wir das schaffen und gibt uns das Gefühl, nicht allein zu sein.

    Geben wir der aufmunternden, ermutigenden Stimme mehr Raum in uns, um das Schöne des weiten Raumes zu entdecken und als Bereicherung zu erleben.

     

    Gedanken zu Joh 10, 1-10 von Carlo Fischer-Peitz

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